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Erzielung und Bewertung software-ergonomischer Merkmale in den frühen Spezifikations- und -Entwurfsphasen

ERGO


Ob ein Computerprogramm ergonomischen Ansprüchen genügt, stellt man in aller Regel erst nach Fertigstellung der zu prüfenden Software fest, also zu einem Zeitpunkt, an dem die Kosten für potentielle Modifikationen bereits enorm angewachsen sind. Das Forschungsvorhaben befasst sich mit dem wesentlich kostengünstigeren Ansatz, in den Spezifikations- und Entwurfsphasen software-ergonomische Belange zu berücksichtigen. Es wird untersucht, inwieweit sich allgemeingültige Grundsätze software-ergonomischer Gestaltung in UML-Diagrammen oder ähnlichen Notationen niederschlagen und wie sie anhand derselben bewertet werden können.

Im bisherigen Verlauf des Forschungsprojekts wurden ca. 170 software-ergonomische Merkmale, so genannte SWEM, definiert und hinsichtlich der sieben Grundsätze der ISO 9241-10 sowie der Messbarkeit (absolut / relativ / nur qualitativ), der Erfassbarkeit (automatisch / manuell), der Komponente des Seeheim-Modells und der Ebene des Herczeg-Modells bewertet; hierarchische Relationen zwischen den SWEM (wie "ist Spezialfall von", "ist Teil von", "ist Erweiterung von") wurden anschließend identifiziert. Außerdem wurde jedes SWEM der frühesten Software-Entwicklungsphase zugeordnet, in der es bereits identifiziert werden kann. Schließlich wurde auf andere, in Zusammenhang stehende SWEM, etwa Erweiterungen oder Verfeinerungen, verwiesen. Durch die Darstellung dieser Abhängigkeiten konnte eine zusätzliche Strukturierung in Form einer Hierarchisierung der SWEM erreicht werden.

Ein Teil der SWEM lässt sich anhand von Patterns in entsprechend um Zusicherungen erweiterten UML-Diagrammen automatisch feststellen. Die Forderung nach prompten Eingaberückmeldungen kann beispielsweise durch entsprechende Zusicherungen in Sequenzdiagrammen modelliert und somit automatisch überprüft werden. Die Vollständigkeit der Systemreaktionen (einschl. Fehlermeldung) kann durch Überdeckung einer geeigneten Äquivalenzklassenzerlegung des Eingaberaums erzielt werden.

Eine Befragung von Vertretern aus 26 Entwicklungslabors mit insgesamt 219 Entwicklern ergab, dass Bedienoberflächen derzeit kaum durch formale Notationen (wie etwa UML-Diagramme) entworfen werden. Sie werden eher relativ grob textuell spezifiziert (etwa mit dem Requirementsmanagementtool Doors) und anschließend inspiziert oder deren frühe Prototypen fließen direkt in die Spezifikation ein. Der Grund für dieses Vorgehen ist, dass es mittlerweile sehr leistungsstarke User Interface Management Systeme gibt, die dazu verleiten, den Quellcode der Bedienoberfläche aus den Prototypen iterativ zu entwickeln.

Aufbauend auf den SWEM wurde mit der Entwicklung eines Verfahrens begonnen, welches die Ergonomie von Applikationen beurteilt und Maßnahmen zur Verbesserung identifiziert. Das Verfahren besteht aus mehreren Schritten. Zuerst wird der Prüfumfang definiert und der Prüfling auf geeignete Weise, z. B. in entsprechende Teildialoge, zerlegt. Dann erfolgt eine strukturierte Inspektion der einzelnen Elemente anhand der Liste der SWEM. Die dabei festgestellten Anomalien werden dem Kunden übermittelt und in einer Nachbesprechungsphase diskutiert um daraus Maßnahmen zur Verbesserung abzuleiten. Über die bloße Ableitung von Maßnahmen hinaus entsteht dabei ein Wissenstransfer, der nachhaltig zur Steigerung des Bewusstseins für ergonomische Aspekte bei den Entwicklern und damit zu a priori ergonomischeren Produkten in zukünftigen Entwicklungen führt. Ein weiterer Gewinn der Nachbesprechungen ist die erzielbare Optimierung des dem Produkt zugrunde liegenden Prozesses durch eine kontinuierliche Feedback-Schleife.

Das beschrieben Vorgehen wurde bereits an diversen Applikationen erprobt und dabei kontinuierlich perfektioniert. Bisher beschränkt sich das Verfahren auf qualitative Aussagen und zeigt dabei Verbesserungspotenziale an den Prüflingen auf. Es soll nun so erweitert werden, dass auch quantitative Aussagen getroffen werden können - zum Beispiel relative Qualitätsindikatoren bezüglich der erzielten Softwareergonomie. Auf diese Weise soll dem Projektmanager oder GUI-Designer ein Maß an die Hand gegeben werden, um die Ressourcen zur ergonomischen Verbesserung seines Produkts effektiver einzusetzen und damit Entwicklungskosten zu senken.